Online Geschichtsprojekt

In den kommenden Monaten wird unsere kleine Ausstellung durch die Städte ziehen, in denen die Ballonauten auf ihrer damaligen Reise selbst Halt machten. Somit wollen wir Geschichtsinteressierte, Schülern und Stadtarchivaren die Möglichkeit geben, sich auf die Spuren der Ballonauten zu begeben. Uns interessiert vor allem die Frage, wie die Zeit der Machtergreifung jeweils vor Ort aussah. Wer war Bürgermeister? Welche Parteien gab es damals? Wie hoch war die Arbeitslosigkeit? Welche Probleme hatte man damals im Gemeinwesen?
Wir wollen alle Interessierten auffordern, uns ihre Recherche-Ergebnisse online zur Verfügung zu stellen, um so ein detailiertes Bild der Zeit der Machtergreiffung zu bekommen. Die Ergebnisse werden in einem neu entstehenden Ballonauten-Wiki gemeinsam zusammengetragenen. Fakten, Fotos und Geschichten werden dann die Grundlage für den Kinofilm über die Ballonauten sein. Schreiben Sie mit am Drehbuch über unsere verdrängte deutsche Vergangenheit, damit wir unbeschwerter in unsere Zukunft schreiten können.
 

Material Regensburg

Die ersten Informationen finden sich in einem Zeitungsartikel des Regensburger Stadtechos vom 29 April 1932 auf Seite 3 in der Dritten Spalte.

Quelle: Bayerische Staatsbiliothek Ludwigstraße 16, Regensburg.

 

In den Hand geschriebenen Tagebuch von Jakob Schmid wird die Abreise aus Regensburg beschrieben.

Das orginal Tagebuch findet sich hier.

Die Regensburger Seiten des 8 Kilogramm schweren Reisebuches finden sie hier.

Die Vorläufer der Ballonauten.

Eine kurze Zeitgeschichtliche Einordnug des Tagebuches :

Das Ballonauten – Tagebuch. Von Eginhard König

Einleitung

Die drei dokumentierten Reisen mit dem Wohn-Mobil-Fußball umfassen den Zeitraum von Mai 1932 bis zum August 1933. Diese Zeit wird üblicherweise als höchst unruhige Zeit wahrgenommen mit Massenarbeitslosigkeit, blutigen Straßenkämpfen, verschleierter Präsidialdiktatur und schließlichem, scheinlegalem Übergang in die Hitlerbarbarei samt ersten Terrormaßnahmen. In jener Zeit machen sich zwei Regensburger zu einer ungewöhnlichen Reise auf, über die wir durch das Tagebuch von Jakob Schmid sehr genau unterrichtet sind.
Nun erwartet der Leser einen Widerhall des aufgeregten, geradezu erschütternden Umbruchs – und wird enttäuscht. Jakob Schmid nimmt seine Umgebung durchaus sensibel wahr; von den großen Zeitereignissen ist aber wenig spürbar. Am Land ging das Leben noch seinen gewohnten Gang. Die Nazis werden, zumal in ihren sozialpolitischen Aktivitäten, gelegentlich wahrgenommen, aber ohne dass ein großen Aufheben darum gemacht wird.
Die beide Freunde erleben eine, von Ausnahmen abgesehen, sehr „normale“ Umwelt. Freilich gibt es unterschiedliche Erfahrungen: Die Bemühungen um einen Erlaubnisschein werden mal ungewöhnlich bürokratisch, bis hin zur konsequenten Verweigerung (Ulm), behandelt, dann aber wieder problemlos mit sehr freundlichem Entgegenkommen. Dasselbe gilt für die Sportvereine, bei denen Unterschriften gesammelt wurden, mal sehr nett (Aalen), mal unmöglich (Schwäbisch-Gmünd). Natürlich sind das Zufallserfahrungen; eine Verallgemeinerung verbietet sich.
Unterkunft bieten Gasthöfe, gelegentlich auch Hotels, manchmal Bauernhöfe. Wichtig ist, wenn es regnet, eine Unterstellmöglichkeit (Schuppen, Garage, Stadel) für den Wohnball.
Eine Grundtendenz wird allerdings sichtbar: Überhaupt haben wir die Feststellung gemacht, daß wir hauptsächlich von den Armen der Ärmsten (sic!) am besten unterstützt wurden, die so genannten besseren Herrschaften sahen uns bestimmt für nicht ganz einwandfrei an. (09.07.32)

Jakob Schmid, der Tagebuchschreiber, erscheint eher unpolitisch-distanziert, gleichwohl „deutsch“ empfindend, was seinerzeit keine Ausnahme war. Er beobachtet seine Umwelt sehr genau  und schreibt aus der Perspektive der „kleinen Leute“. Aus heutiger Sicht enthalten seine Wahrnehmungen nachvollziehbare, durchaus vernünftige Wertungen, wurzelnd in einem natürlichen Empfinden.

Die durch Kursivschrift gekennzeichneten Zitate wurden in aller Regel wörtlich, inclusive einiger grammatikalischer Absonderlichkeiten, aus dem Tagebuch in der alten Rechtschreibung übernommen; nur offensichtliche Schreibfehler wurden zur besseren Lesbarkeit stillschweigend korrigiert.
Es folgen in chronologischer Reihenfolge einige mit historischen Kommentaren versehene Schlaglichter auf eine ungewöhnliche Reise.

Nach Sachsen

Am 10. Mai 1932 ziehen Jakob Schmid und Franz Perzel ihren Ball über die Steinerne Brücke und gelangen über Zeitlarn nach Burglengenfeld. Die weitere Tour führt über Teublitz, Schwandorf (Polizeiamt war sehr zuvorkommend), Schwarzenfeld, Nabburg, Pfreimd, Luhe, Weiden, Neustadt an der Waldnaab, Tirschenreuth, Mitterteich,  Marktredwitz, Wunsiedel, Selb (unsere Rettung [...]  werden wir nie vergessen) nach Hof.

04.06.32, Artilleriefest in Hof
Ganz Hof zeigt sich im Fahnenschmuck; Fotos zeigen Aufmärsche in Traditionsuniformen aus dem Königreich. Kronprinz Rupprecht ist anwesend. Deutschland nennt sich Republik, aber weit gefehlt, da merkt man doch hier, daß monarchische Strömungen in jedem Deutschen noch stecken.
Es gab in der Weimarer  Zeit tatsächlich Tendenzen, in Bayern die Monarchie zu restituieren – aus Traditionsgründen und später als Gegenmaßnahme zur drohenden  Machtübernahme der Nationalsozialisten. Noch nach der Machtergreifung, „in zwölfter Stunde“, fasste der BVP-Vorsitzende Fritz Schäffer den verwegenen Plan der braunen Diktatur die Monarchie entgegenzusetzen: „Der Kronprinz sollte zum Generalstaatskommissar ernannt werden, toleriert von den Sozialdemokraten, denen ein König Rupprecht immer noch lieber war als ein Kanzler Hitler.“ (Benno Hubensteiner, Sonderausgabe München  Süddeutscher Verlag 1980, S. 344)  


12.06.32, bei Plauen
Sonntag nachmittag war ich im Naturheilbad, ein herrliches Bad, so was wäre für Regensburg recht. Aber leider ist in dieser Beziehung unsere Vaterstadt weit zurück. Nun vielleicht treffen wir nach unserer Reise ein Regensburger Familienbad an, daß ich nicht lache.
 
Der ironische Wunsch bezieht sich auf den Streit um ein Gemeinschaftsbad in Regensburg. In den zwanziger Jahren badete man im Freibad an der Schillerwiese nach Geschlechtern getrennt, zunächst durch eine zwei Meter hohe Bretterwand voneinander abgeschottet, dann – auf Anregung katholischer Kreise – an bestimmten Frauen- und Männerbadetagen. Alle Forderungen nach einem Familienbad wurden von der BVP-Mehrheit im Stadtrat abgelehnt. Im Sommer 1931 wurde der meteorologisch ziemlich unsinnige Frauen-Männer-Turnus aufgegeben und wie früher eine Bretterwand eingezogen.
Der Oberbürgermeister Dr. Hipp beruhigte den besorgt anfragenden Bischöflichen Stadtkommissär Höfner: „Die Trennung der beiden Geschlechter außerhalb des Wassers ist vollständig und auch innerhalb des fließenden Stromes wird die Trennung im Wesentlichen durchgeführt.“ Dennoch erschien im Juli 1931 eine Abordnung der katholischen Jugendverbände und überreichte eine Denkschrift „Betreff: Bad an der Schillerwiese“. Darin wird „die heilige Ehrfurcht vor der deutschen Frau“ beschworen. Und weiter heißt es: „Den verderblichsten Würgengel dieser Ehrfurcht, ohne die keine sittliche Neubelebung denkbar ist, sieht die katholische Jugend im Gemeinschaftsbad der Geschlechter. Nachdem es Dank der Festigkeit massgebender Kreise gelungen war, dieses fressende Uebel des Zeitniedergangs aus unserer Stadt ferne zu halten, musste die katholische Jugend in den letzten Jahren mit wachsendem Ingrimm vermerken, dass seitens massgebender Instanzen dem heidnischen Badebolschewismus bei weitem nicht mit jener Energie entgegengetreten wurde, die Name und Ruf unsrer Bischofsstadt verlangt hätten.“
(S. dazu: Eginhard König und Ulrich Hagedorn: Politische Entwicklungen. In: Kunst- und Gewerbeverein Regensburg e.V. [Hg.]: Es ist eine Lust zu leben! Die 20er Jahre in Regensburg, Regensburg Dr. Peter Morsbach Verlag 2009, S. 28-47; hier: Kapitel „Der Streit um das Gemeinschaftsbad“, S. 40-42)

29.06. bis 02.07.32, Chemnitz
Die Freunde werden von Nazis zum Essen eingeladen, das als „erstklassig“ gelobt wird. Es handelte sich wohl um eine der SA-Volksküchen.
Das Tagebuch dokumentiert in diesem Eintrag eine politisch aufgeregte Zeit. Jakob Schmid zeigt sich allerdings vom Parteienhader angewidert: Soviel wir jetzt Sachsen kennengelernt haben, sind sie unheimliche Parteinarren. Was hier Politik getrieben wird, spottet jeder Beschreibung. Jedes zweite Wort Politik. Ist es überall so? Dann garantiere ich Deutschland, arme Deutsche, können wir nicht endlich wieder ein Einig-Deutschland werden?
In Chemnitz beschwert sich Jakob Schmid außerdem über den Titelstolz und den Großdünkel der Beamten.

05.07. 32, Freiberg
Das sehr schöne Städtchen motiviert den vielfach interessierten Tagebuchschreiber zu kulturhistorischen Anmerkungen: Freiberg ist auch bekannt durch ihren [sic!] Dom. Hauptsächlich der herrlichen goldenen Pforte, die Eingang des Domes ist. Sowie alte Sagen beherrschen die Stadt. Begründer des Silberbergwerks ist Otto der Reiche, Markgraf zu Meißen. [...] Hier hat es uns sehr gefallen.

07.07.32, Grillenberg
Im kleinen Ausflugsort erleben die Freunde eine kommunale soziale Einrichtung: Bürgermeister des Ortes lud uns zum Essen, war ein ganz netter Mensch. Es war aber ein Gemeindeessen, das heißt für fremde Wanderburschen wird von der Gemeinde ein Essen bezahlt. Nun es hat uns geschmeckt.

09.07. bis 14.07.32, Dresden
Der Zwiespalt: [...] kamen wir in die herrliche Kunststadt Dresden, wunderbare Bauten, einfach schön. Leider sind der größte Teil der Bevölkerung furchtbar spießbürgerlich, die sind bestimmt nicht wert in einer so schönen Stadt zu wohnen.“
In Dresden gibt es ein Volksfest auf der Vogelwiese mit einem echten bayerischen Bierzelt, wo eine richtige Münchner Kapelle spielte. Dort hatten die Freunde ein lustiges Erlebnis: Franz hatte nämlich die Kartentasche umgehängt. Da rief ein Münchner Musiker zu uns her, „zu der Maß Bier braucht ihr zwei Landkarten?“’ Ein mords Gelächter aller Anwesenden kam vom Stapel, nun ich war gleich schlagfertig und sagte wieder „für Bier brauchen wir es net, aber zum Geld suchen“. Da hatten wir die Lacher wieder auf unserer Seite.
Ein abendlicher Besuch in einem Tingel-Tangel Lokal gibt (wieder mal) Gelegenheit zu einem Seitenhieb auf Regensburger Verhältnisse: Eintritt frei, dafür so ein kleines Glas Bier 45 Pf., so was darf natürlich in Regensburg nicht sein, da würde die öffentliche Sicherheit gefährdet werden. Das ist eine kaum versteckte Anspielung auf die bayerischen Bierkrawalle.

Die Aufzeichnungen während der ersten Fahrt enden am 15. Juli 1932 Von Sörnewitz ab. Dann gibt es eine Zeitlücke von 6 Monaten. Im März 1933 befindet der Ball in Ingolstadt. Von dort geht es  weiter nach Süden zum Wallberg zunächst mit Sonnenschein, 4 Reichsmark Kapital und Hoffnung im Herzen, die uns noch nie verlassen hat. Auffällig ist, dass während der ganzen Reise die sog. Machtergreifung so gut wie keinen Niederschlag im Tagebuch findet.

Die Wallbergtour

16.03.33, Manching
Jakob hat in Manching seine Kinderzeit verbracht.

28.03.33, Pfaffenhofen
Immer wieder gibt es Reflexionen über die unterschiedliche Behandlung in den verschiedenen Städten.
In Pfaffenhofen wird notiert: So um 6 ¾  Uhr kamen wir hier an. Große Begeisterung, viele fuhren uns per Rad entgegen. In Brauerei Müller, war auch Vereinslokal ist Quartier, gut aufgenommen. Heute Mittwoch 29. III. 33 Erlaubnis bekommen, sehr anständig. Warum können manche Städte so anständig sein?

ab 03. bis 20.04.33, München
In München sind die Erfahrungen unterschiedlich. Jakob Schmid geht aufs Polizeipräsidium, braucht bloß drei Zimmer absolvieren. Und weiter: haben schwer Glück gehabt, gleich wollte er nicht anbeißen. In München ist der Standort beim Sendlinger Tor, die Einnahmen sind gut. Aber: Nachmittags kam Kriminal, soll um 4 Uhr auf Polizeipräsidium, mit klopfendem Herzen ging ich nauf, Schreck. Herr Inspektor Hartl sagte zu mir, Herr Schmid, es kommen Beschwerden, Sie müssen weg, ich warum, kann es nicht gut erklären, schmutzige Konkurrenz, Brotneid, bekam es aber fertig noch Freitag und Samstag zu bleiben. Die Freunde siedeln um auf die Wiese. Ein paar Tage später muss Schmid noch zur politischen Polizei. Wenn wir nicht so ehrlich und korrekt wären, dann hätt es einen großen Hacker gegeben.

Die Route führt von Giesing über Sauerlach, Holzkirchen, Gmund nach Tegernsee

25./26.4.33, Tegernsee
Wie schon in Gmund (herrliche Abschiedsgrüße) werden die Ballonfahrer sehr freundlich aufgenommen: Aufsehen und Bewunderung. Da hat man Freude und neuen Mut. Hausierten auch ganz gut. Die bevorstehende Wallbergtour sorgt für gemischte Gefühle: Morgen unser schwieriger Berg, hoffentlich passiert uns nichts. Was wir da leisten ist unmenschlich. Durch diese Leistung hoffen wir, dass man uns als echte deutsche Sportmenschen ansehen wird.



ab 27.4.33 Wallberg
Um 12 Uhr kommen die Freunde bei regnerischem Wetter am Fuß des Wallbergs an und werden von der Familie Hübsch, die einen Wildpark unterhalten, zum Essen eingeladen. Familie Hübsch ist erstklassig, Tag und Nacht dürfen wir kommen, wenn wir was brauchen und so, mit einem Wort „Erstklassig“.
1. Tag: Um drei Uhr hört der Regen auf und die Tour beginnt. Ca. 500m werden geschafft.
2. Tag: Das Wetter wird besser. Wir spüren schon allmählich die Anstrengung.
3. Tag: Es geht über den großen Graben mit einer Steigung von 34 %.
Am 4. Tag Sonntag machten wir blau.
5. Tag: Es ist der 1. Mai. Am Vormittag wird gearbeitet; am Nachmittag geht Jakob Schmid auf Post nach Tegernsee.
6. Tag: Wir werden immer schlapper.
7. Tag: Die Ballonbergsteiger kommen bis zur dritten Serpentinenkurve. Familie Hübsch sendet Esswaren.
8. und 9. Tag: Die Tage verlaufen gleichmäßig, mit Steigungen sondersgleichen.
10. Tag: Um 10.15 Uhr Ankunft am Schutzhaus. Pächter Kratzer gab uns gleich zu essen, sogar Geld. Blieben nur einige Stunden, da Hübsch Reklame machte, daß unser Ball am Sonntag zu besichtigen ist im Wildpark. Die Talfahrt ging  in 2 ¼ Std vonstatten: Hübsch seine Jungen sägten einen 10 m langen Tannengipfel ab welcher als Bremse diente. Beschwert wurde er mit den Jungen, die darauf saßen, je nach Bedarf des Gefälles.
Im Tal erwarteten viele Menschen die Abenteurer und gratulierten ihnen, deren Zustand von Schmid so beschrieben wird: Gesundheitlich gut, Achseln aufgescheuert vom Schieben, Schuhe vollständig erledigt, letzte 3 Tage schon auf Socken gelaufen. [...] Was wir geleistet haben, kann man nicht schildern.

Vom Tegernsee nach Garmisch und weiter durchs bayerische und schwäbische Oberland

ab 9.5.33
Zunächst der Abschied vom Wildpark Rottach: Wieder ein Abschied von guten Leuten, das ist nicht immer leicht. Die Reise führt bei Regenwetter über Egern, Bad Wiessee nach Waakirchen und weiter über Greiling nach Bad Tölz. Dort trifft man auf eine nette Polizei. Über Bad Heilbrunn, Kochel, Kesselberg geht es zum Dorf Walchensee und weiter nach Mittenwald. Schmid erhält zweimal Besuch von seiner Braut Resi. Der glückliche Bräutigam notiert: Als sie kam sah ich an ihren Augen, daß sie sehr viel noch für mich übrig hat, das ist Privatsache drum Schluß.

20.5.33, Mittenwald
Die Freunde nehmen im Hotel Post, immerhin das „erste Haus am Platze“, Quartier: Es war eines unserer schönsten Quartierlager, prächtiger Hofraum, anschließend Park und im Hintergrund der Karwendel. Stolz und wuchtig ragt er in den Himmel, sind ganz gut aufgehoben.“

22.5.33, zwischen Klais und Krün
Nächste Station sind die Buckelwiesen, deren auffällige Formation in der Eiszeit entstanden ist. Dort befindet sich ein Lager des Reichsarbeitsdienstes, deren Arbeiter, wie Zeitzeugen berichtet haben, ziemlich sinnlos mit der „Geländebegradigung“ beschäftigt sind: Beschäftigung um der Beschäftigung willen; Hauptsache, die Arbeitslosen sind weg von der Straße.
Die Besucher werden vom Lagerführer zum Tee eingeladen und bleiben bis Mittag. Das Verhalten der Arbeitsdienstler beim Mittagessen gibt Anlass zur Kritik: Es gab Suppe und Kaiserschmarrn mit Zwetschgen. Es war prima, doch einige waren dabei welche die Suppe wegschütteten. Das ist gemein, da sie bestimmt nicht schlecht war. Nun überall gibt es Schmutzfinken. Letztlich gibt es ein positives Urteil: Ich persönlich glaube, daß die Einrichtungen der NSDAP nicht schlecht sind.




24.5.33, Garmisch
Der bekannte Kurort enttäuscht und liefert Anlass zu einer emotionalen sozialkritischen Bemerkung: Wollte mir Erlaubnis holen, bekam sie nicht, da hier ein Kurort ist. Da sieht man es, da wo es schön ist, können sie nur Leute mit Geld brauchen, oh Menschheit wie bist du gemein.
 
ab 25.5.33 Hechendorf, Murnau, Bad Kohlgrub, Rottenbuch, Schongau, Kaufbeuren
Im Tagebuch findet man Berichte über miserables Wetter, schlechte und steile Straßen, unterschiedliche Erfolge beim Durchhausieren. Immerhin: Wenigstens haben wir für Pfingsten Lebensmittel, auch etwas Geld.  

In Schwaben

6.6.33, Bad Wörishofen
Schmid schreibt erleichtert: Endlich bessere Straßen, schönes Wetter u. Ebene und die sparsamen Schwaben werden ihrem Ruf nicht gerecht: Seit wir in Schwaben sind, geht es uns besser. Die Dörfer sind groß und die Leute freigebiger bis jetzt. Weiter geht es über Ettingen nach Wehringen, wo der Ball gewogen wird: Er ist 12 Zentner und 64 Pfund schwer.

10. bis 16.6.33 in Augsburg
In Augsburg gibt es bereits einen Hitlerplatz. Das Urteil über die Stadt lautet: Im allgemeinen Augsburg gut. Nur Vereinsunterschrift la – la; besonders der Turn- und Sportvereinsvorstand ein richtiger Hammel.

16.6.33, Steggach
Der Ball bereitet Sorgen: War gut, daß wir gleich einen Platz fanden, und zwar einen Schuppen bei einem Wirt. Müssen jetzt schauen, daß wir unter Dach kommen, da der Ball schon richtig defekt ist. Hält kein Wasser mehr. Brauchte halt das Streichen.

20. bis 22.6.33, Neu-Ulm und Ulm
Die Erfahrungen in Ulm, wo 63.- RM Württembergische Landessteuer zu zahlen sind. Schmid weigert sich und stellt grundsätzliche Reflexionen über die über die staatliche Organisation Deutschlands an: So sieht das „Deutsche Reich“ aus. Wir sind unter uns alle Ausländer. Es gibt keine Erlaubnis für die Stadt Ulm. Am nächsten Tag wird schwarz hausiert: Wir [...] hausierten durch, was grad ging. Ich fuhr so langsam wies ging und Grau verkaufte Karten und bot an, so gut es ging. [...] So um 9 Uhr machten wir uns endgültig aus der Stadt, mit Schadenfreude, daß wir den hohen Herrn doch ein Schnippchen geschlagen haben.

22. bis 26.6.33, Langenau
In Langenau gibt es helle Begeisterung, mords Auflauf. Verkauften auch ganz gut Karten.

ab 26.6.33
Früh 9 Uhr: Wiedermal Abschied nehmend von guten Leuten. Die weitere Reise geht über Herbrechtingen, Heidenheim, Itzelberg, Aalen, Schwäbisch Gmünd, Wäschenbeuren nach Göggingen. Schmid besucht über Samstag und Sonntag seine Braut in Augsburg. Nun erfährt man von einer Entfremdung der bisherigen Reisegenossen: Als ich zurückkam und mit Grau abrechnete, war es eine so schlechte Einnahme, daß es mir etwas vor den Kopf stieß, da kann etwas nicht stimmen. Der Eintrag stammt vom 9. Juli. Zwei Tage später  räsoniert er: Grau ist ein ganz ehrlicher Mensch, im Geldbeziehen aber er hat ein falsches Wesen, und das bedrückt mich immer ein wenig. Er ist so recht dummfrech und grob. Na die paar Monate gehen vorüber und dann bin ich erlöst von der schaurig, schönen Fahrt. In Stuttgart kommt es schließlich zur Trennung: Grau arbeitet auch schlecht, mach ihm auch Vorwürfe, aber mit einem so hartköpfigen Menschen ist nicht viel anzufangen. Und so kam auch am 30. Juli, des Haupttages des Turnfestes ein Streit, der mit einer Rauferei endete und der Schlußeffekt Grau ließ mich im Stich. Schmid hat bald einen neuen Kameraden, der 10 % der Einnahmen und freie Verpflegung erhält. Karl Emde stammt aus Westfalen und hat aber die bayerische Staatsangehörigkeit. Emde ist ehrlich, gutwillig, aber wegen seiner Herzbeschwerden körperlich zu schwach für die Strapazen. In der Schillerstadt Marburg machen wir Abschied, jedem standen die Tränen in den Augen.

ab 6.8.33
Schmid zieht allein seinen Ball. Manchmal helfen ihm Passanten; selten wird er von einem Fahrzeug geschleppt. Insgesamt ist es ein außerordentlich mühsamer Weg, wovon viele Tagebuch-Einträge zeugen: Ein harter Kampf, kann ich bezwingen? Kämpfen tu ich darum. [...] War vollständig erledigt. Sammle noch Unterschriften mit Gewalt. Was ist ich jetzt unternehmen muß ist an den Grenzen des Verstandes. [...] Jetzt ist es 10 Uhr und ich bin tot müde. [...] Bin sehr schwach geworden. [...] Es ist unheimlich was ich leisten muß. [...] Wenn ich im Voraus alles gewußt hätte, was ich heut leisten muß, dann hätte ich bestimmt aufgehört und wär auf und davon. [...] Wieder muß ich mehrere Berge nehmen, kein Mensch half mir, bin vollständig verzweifelt, da halte ich nimmer lang aus.

Der letzte Eintrag lautet:
Es ist höchste Zeit, daß ich nach Ellwangen komme, um die Gepäcklast los zu haben. Wenn es dann noch zu schwer geht, reiß ich die ganze Inneneinrichtung raus. Schadet auch gar nicht, da der eine Laufreifen vollständig erledigt ist. Ob er noch aushält bis Regensburg ist eine Frage, die ich heute noch nicht beantworten kann.
Rosenberg, den 14. August 1933
Hier bricht das Tagebuch ab.